Vom Rand in die Mitte schauen

Ich hatte einen Traum. Das ist der Anfang.

Ich stand in der Mitte von einem sehr großen Kreis, der sich wie eine Spirale langsam um mich herum bewegte. Ich war allein und sah mich um. Ein großes, reines Nichts, blendend weiß. Die Spirale gab mir instinktiv den Auftrag, mich zu bewegen. Ich handelte nicht bewusst, sondern rein aus meinem Gefühl heraus, hatte ich den Drang der Drehbewegung zu folgen. Ich hatte keine Angst, obwohl ich nichts sah und auch ganz allein war. Die Umgebung wirkte unwirklich aber nicht gefährlich. Ich folgte also der Spirale, Schritt für Schritt. Unbewusst suchte ich den Ursprung, den Anfang, denn an dem Punkt, an dem ich jetzt war, ging es nur in eine Richtung weiter – nach vorn. Aber das war natürlich nur eine Frage der Perspektive. Würde ich mich umdrehen, dann wäre ich bereits am Ende angekommen. Das Ende? Aber ich behielt meine Richtung bei und folgte Schritt für Schritt der Bewegung der Spirale. Mir wurde ein bisschen schwindelig, da sich der Kreis bewegte und ich mich ebenfalls. Ich musste einen Rhythmus finden.

Wo war der Ausgangspunkt und würde ich ihn überhaupt erreichen können?

Die Bewegung war sachte und mir zugewandt, ließ mich aber schwerlich vorwärts kommen. Wie hatte ich es in diese Mitte des Kreises geschafft, wenn es doch fast unmöglich schien, den Weg zurück zu gehen? Und wenn mein Ausgangspunkt gleichzeitig die Mitte und das Ende waren, bedeutete das etwa, zu einer Mitte zu gelangen, dann ist auch das Ziel erreicht? Um etwas sehen zu können, musste ich die Augen schließen, das war das Geheimnis. Und dieses Sehen würde meine Schritte leiten. Ich weiß nicht, woher dieser Gedanke kam, aber ich spürte, dass das die einzige Möglichkeit war, vielleicht einen Anfang zu finden. Ich sah mich um und wusste, dass ich hier überall schon einmal war. Ein merkwürdiges Gefühl, da ich nur in meiner Gedankenwelt Bilder sah und mit jedem Schritt veränderte sich innerlich die Umgebung und alles war in Bewegung.
Ich wollte vom Rand in die Mitte schauen. Das galt es zu erreichen.
Aber hierbei ist zu bedenken, das auch der Rand immer die Perspektive und Umstände miteinbezieht. Vielleicht gibt es deshalb gar keinen wirklichen und einzigen Anfang und damit auch kein Ende. Die Mitte bedeutet „nur“ das Ziel im Unterbewussten. Mittelpunkt der Seele.

Ein Traum, fast klischeehaft gefüllt mit Metaphern. Bewusstsein, Unterbewusstsein – alles in Bewegung – Denk nach! Immer diese Ein- und Mehrdeutigkeiten!

Ich erwachte. Wenn also alles in Bewegung ist, dann ist also auch die Suche nach dem Sinn des Lebens nur eine Frage, wo man gerade steht, in welche Richtung man schaut und was man fühlt? Und selbst wenn man sich selbst nicht bewegt, so tut es doch die Welt und diese Bewegung ist absolut und nicht beeinflussbar. Man kann sich mit ihr bewegen und auch gegen sie. Das ist eine eigene Entscheidung. Aber sie wird nicht anhalten! Obwohl man sich das manchmal doch sehr wünscht, wenn etwas geschieht, was man für groß und wichtig hält. Aber dann hält man nur selbst an, die Welt macht einfach weiter, das kann man weder beeinflussen noch ändern. Man kann dieser Tatsache nicht entkommen, egal wie sehr man sich dagegen auflehnt. Ich war ein wenig durcheinander und verschlafen und war geradezu glücklich Zeit zu haben, um darüber nachdenken zu können. Ich verharrte einige Momente in meiner eigenen Stille und hörte die Welt da draußen. Kaffee wäre gut! Kaffee würde mich erfreuen und sensibler machen. Am besten gleich eine ganze Kanne. Ich machte mir welchen.

Als ich vor ein paar Tagen mit dem Bus unterwegs war, habe ich mich, um die Fahrtzeit zu überbrücken, nach langer Zeit mal wieder mit Albert Camus beschäftigt. Seine “Philosophie des Absurden“ hat mich schon immer sehr interessiert. Das Absurde entsteht aus der Gegenüberstellung der berechtigten Sinnsuche des Menschen und der Sinnlosigkeit der Welt. Das menschliche Grundbedürfnis und das Streben nach Sinn in einer sinnentleerten Welt ist eigentlich vergeblich, aber muss deshalb nicht ohne Hoffnung bleiben. Um nicht zu verzweifeln oder zu resignieren oder gar gänzlich passiv zu werden, vertraut Camus, ebenso wie auch schon Nietzsche, auf den aktiven, auf sich allein gestellten Menschen, der unabhängig von Gott, Religion und Gnade selbstbestimmt und bewusst innere Möglichkeiten der Schicksalsüberwindung, der Auflehnung und des Widerspruchs entwickelt.

Revolte.

Es ist eine zutiefst humanistische und atheistische Sicht, die Camus vertritt. Welchen Sinn sollte man diesem vielen Leiden auf der Welt anrechnen?
Und dennoch und trotzdem strebe der Mensch nach vorne, will sich bewegen und handeln. Er verspürt diesen Drang etwas zu verändern. Er akzeptiert das Absurde begreift es auch als solches und gleichzeitig, obwohl er weiß, das er nie zu einem Ziel gelangt bzw. es überhaupt kein Ziel gibt, bezieht er sein Glück in einer Art ewigen Aufstehen, fast ein stures Trotzdem. Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Sisyphos? Er ist Sinnbild dieser Überzeugungen.

Teile ich diese Überzeugungen? Kaffee wird nachgeschenkt. Wenn der Kreis, die Welt und der Weg eine Reise zum Mittelpunkt der Seele ist, dann kann ich den religiösen Gedanken nicht ausschließen. Für mich gibt es eine klare Unterscheidung von Psyche und Seele. Carl Gustav Jung unterschied zwischen der äußeren und innerlichen Persönlichkeit, die innere setzte er mit Seele gleich. Die äußere sei eher die Maske, die sich der sozialen Welt anpasse und die innere wäre dazu gegensätzlich und ergänzend. Die Seele mit der Begrifflichkeit der Psyche gleichzusetzen ist eine nüchternere, eher wissenschaftlich orientierte Betrachtung des menschlichen Innenlebens ohne den gefühlsbetonten Beiklang.  Schiller bezeichnete mit der schönen Seele den Einklang von Sinnlichkeit und Sittlichkeit. Und auch Goethe machte immer wieder seine Überzeugung deutlich, das es einen Unterschied von Seele und Psyche gibt.

Ich bin also endlich und mein Suchen und Finden ist relativ. Und Mut zu haben und Energie und Kraft aufzubringen, hat immer mit Hoffnung zu tun. Und diese Hoffnung hat immer auch einen nicht greifbaren, seelischen und damit spirituellen Aspekt.
Und so schärft sich der Blick auf meine letzten Monate, auf all mein Handeln, meine Freude, mein Glück, meine Bemühungen und sogar auf mein Scheitern. Aufstehen, weiter machen, wieder anfangen und glücklich sein. Alles eine Frage der Perspektive, des eigenen Standpunktes. Und selbst im Versagen eine Aussage finden, eine Revolte starten und die Dinge neu und bewusst betrachten und wieder beginnen.

Ich habe ganz leise wieder neu begonnen.

Meine Arbeit blieb ein paar Wochen einfach liegen. Vor meinen Augen geschah nichts. Ein stiller Vorwurf, ein schlechtes Gewissen. Ich konnte weder weitermachen, noch es ganz beenden oder gar verwerfen. Meine ausgedruckten Manuskripte flüsterten mir ständig etwas zu, aber zu leise, ich verstand sie nicht. Genauso die Verlagsliste mit all den Adressen die mich an oder vielleicht sogar auslachten. Ich war einfach verhindert.
Der Umstand, dass mein Projekt gescheitert war, hatte mich so verunsichert, dass ich nichts entscheiden wollte und konnte. Aber dann geschah etwas ganz wundervolles. Einige Menschen, die schon bei der Spendenaktion mitgemacht hatten, sprachen mich an und wollten mir das gespendete Geld persönlich zur Verfügung stellen, damit ich weitermachen würde und könnte.

Ich war so gerührt und möchte mich an dieser Stelle tausendfach bedanken bei Annett Lux, Johannes Sulk und Emily Koch .

Ihr seid die Besten!

Aber auch viele andere Freunde und vor allem die Familie machten mir zusätzlich Mut und mein Tatendrang und Glauben regte sich wieder. Nicht nur allein die Tatsache, dass ich jetzt die Postsendungen und die Mails mit diesem Geld verschicken konnte, machten mich glücklich, sondern auch, dass es Menschen gab, die mir und meiner Idee vertrauten. Und jetzt ist es getan. Insgesamt 145 Verlage sind angeschrieben. Und ich fühle mich sicher und glaube an mich. Ein unbändiges Verlangen und ein, fast unruhiger Gedanke, ein Drang sich nach vorne zu bewegen. Jetzt gilt es die Antworten abzuwarten und zu hoffen. Und ich weiß, dass es viele Menschen an meiner Seite gibt, die mir die Daumen drücken und mich unterstützen. Und ich bin gewappnet für alle Fälle und nicht mehr unsicher. Und falls ich keinen Verlag finde, dann finde ich eine andere Möglichkeit, das Buch fertigzustellen und in den Händen zu halten.

Und es wird ein wunderbares Gefühl sein!

Und es wird meinen Vorstellungen entsprechen. Die wunderbaren Bilder von Volker, die ich so liebe, werden sich über meine Gedanken legen und dieses Buch vollständig machen, weil sie eine Einheit bilden. Einfach, weil es so sein soll. Ich bin so glücklich, dass ich sie verwenden darf. Ein tiefer Dank auch an Dich, Volker.

Ich weiß, dass ich das schaffe! Nur Mut!
Ich danke auch noch mal allen Beteiligten, Unterstützern und Lesern von meinem Blog und meinen Geschichten und Gedichten. Es war ein ereignisreicher Weg von der Idee bis zu diesem Zeitpunkt. Viel Arbeit und Glaube. Mit allen, die mit mir gegangen sind, fühle ich eine so schöne Art der Verbundenheit.

Jetzt braucht es nur noch ein wenig Glück! Ich bin ein Sonntagskind.

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